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Leseprobe
Winstons Masterplan, Hayo Werner
Ein
Roman zum ökonomischen Wandel
ISBN 3833420197
Die
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Winston
sah geistesabwesend auf die feuchte Straße in der Nacht.
Sie wurde durch das regelmäßige rotblaue Blinklicht
der Sicherheitsfahrzeuge zu einem spiegelnden Farbspiel und
lenkte ihn ab. Er war angespannt und nervös. Auch wenn
seine Leute aus der Öffentlichkeitsarbeit den anstehenden
Auftritt bei Larry so perfekt wie möglich zu planen versuchten
Winston wusste nur zu genau, dass Larry sich an keine
einzige Vorgabe halten würde, wenn ihm anderes in den
Sinn kam. Themen gab es dafür mehr als genug. Seine Vergangenheit
wurde bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Journalisten
konfrontierten ihn und die Öffentlichkeit mit den vielen
alten Kamellen aus seinem Leben mit der Freude kleiner Kinder
über ein neues Spielzeugauto. Das geschah in erschreckender
Regelmäßigkeit. Wer in seinem Leben eine wie auch
immer geartete Beziehung zu Winston gehabt hatte, wusste darüber
zu berichten. Lehrer erklärten, wie faul er gewesen sei,
Professoren erzählten über die häufigen Partybesuche
als Ergebnis seiner Lebensfreude. Kameraden aus seiner Zeit
bei der Armee äußerten, er sei niemals an die Front
geschickt worden. Gerne wurde über seine hervorragenden
Beziehungen lamentiert und dass er diese auch genutzt hätte.
Dabei schauten alle stets so unschuldig in die Kamera, als
hätten sie das Recht zu urteilen für sich gepachtet
und selber natürlich niemals Vorteile aus ihren eigenen
guten Beziehungen gezogen. Für Winston war dieses Verhalten
einfach nur verlogen. Die Historie zeigte, dass man Intelligenz
und Kreativität nicht an diesen Dingen festmachen konnte.
Ein wunderbares Beispiel dafür war Isaac Newton, der
im 18. Jahrhundert für die Menschheit bahnbrechende Entdeckungen
veröffentlichte und dafür schon zu seiner Zeit weltweiten
Ruhm erlangte. Den größten Teil seines Lebens habe
er sich aber, so hieß es, mit Alchemie und religiösen
Dingen beschäftigt, von einigen abwegigen Experimenten
mit seinen Augen und der Sonne einmal ganz zu schweigen. Newton
hatte die Ideen entwickelt und ausprobiert. Was machte das
aus, wenn ein Mensch gute Ideen hatte? Für Winston zeichnete
das schon immer die besonderen Menschen aus: Sie handeln.
Gute Ideen müssen ausprobiert werden war
sein Grundsatz. Wissenschaftlern wurde auch heute noch ein
größerer persönlicher Spielraum gestattet
als einem Menschen des öffentlichen politischen Lebens.
Winston wusste, dass jedes kleine Missgeschick aufgezeichnet
und bei Bedarf veröffentlicht werden würde. Querdenken
war da wenig gefragt viel zu oft sogar hinderlich.
Die Informationsquellen über Winston waren also fast
unerschöpflich und Larry war im Vergleich zu vielen
anderen Fernsehjournalisten seriös. Man durfte sich
aber nichts vormachen, denn auch Larry lebte von seinen spontanen
Einfällen. Diese gingen eben manchmal auch bei ihm zu
Lasten der Interviewgäste, sehr zur Freude der Zuschauer
dieser LiveSendung. Die Einschaltquote würde zudem an
diesem Abend eine Rekordmarke erreichen. Wer die Show nicht
sehen konnte, fand die Höhepunkte der Sendung mit Sicherheit
am kommenden Morgen in den Zeitungen. Die in Larrys Sendung
besprochenen Themen beherrschten häufig in der folgenden
Woche die Medien. Die Zeitungen waren damit prall gefüllt.
Es war erstaunlich, dass die Themen aus Larrys Interviews
eine solche Resonanz hatten. Noch schlimmer war jedoch, dass
einige öffentliche Aussagen Winston ein Leben lang verfolgten.
Eine unerträgliche Last, und alles nur, um so viele Menschen
wie möglich zu erreichen. Winston wusste, dass er nur
überzeugen konnte, wenn er sich der Situation entspannt
und wach stellte. Er besann sich auf seine Stärke, ebenso
spontan zu antworten, wie andere Fragen stellen konnten, und
hoffte darauf, die richtigen Worte zu finden. Er hatte schon
so manches Mal daneben gegriffen. Die fortgeschrittene Uhrzeit
war zudem seiner Konzentration nicht gerade förderlich.
Der Wagen war bereits angekommen und hielt vor dem Studioeingang.
Umrahmt von Sicherheitskräften wurde Winston hineingeleitet.
Larry kam ihm freudestrahlend entgegen und schüttelte
ihm zur Begrüßung die Hand. Winston hatte noch
zwanzig Minuten bis zum Auftritt. Er bat seinen Assistenten
John, ihm einen doppelten Espresso zu beschaffen, und erschrak,
als in unmittelbarer Nähe das Mahlwerk der Maschine kreischend
begann, die Kaffeebohnen zu zerschroten. Er wurde zu einem
Sessel gebeten und für seinen Auftritt geschminkt. Winston
bekam diese Prozedur gar nicht richtig mit er saß
einfach nur da und ging im Geiste noch einmal ein paar Fragen
aus dem Fragenkatalog durch. Wirtschaftliche Entwicklung,
Terrorgefahr, Wohlstand, die gewohnten komplexen Themen und
die einfachen und einprägsamen Antworten darauf. Die
Zuhörer wollten doch ohnehin nur ihre eigenen Thesen
und Meinungen bestätigt sehen und nutzten dafür
jede Aussage. Konnte er die Zuschauer wirklich ernsthaft erreichen?
Er bekam seinen Espresso gereicht, und als er ihn trank, sah
er an sich hinunter. Er erschrak. »John, meine Krawatte
hat einen Fleck! Warum macht mich denn keiner darauf aufmerksam?«
Jetzt, wo Winston darauf zeigte, stach der Fleck auch John
ins Auge. Ohne ein Wort zu verlieren, nahm John seine eigene
Krawatte ab und reichte sie Winston. Der band sie sich schnell
um, schob den Krawattenknoten zurecht und wurde unmittelbar
darauf zum anstehenden Auftritt gebeten. Er konnte schon das
aufgeregte Klatschen der Zuschauer und die letzten Worte der
Ankündigung hören. Wie ein versierter Showmaster
schritt er auf Larry zu, begrüßte ihn, winkte
den Zuschauern zu, lächelte in die Kamera und nahm auf
dem Ledersessel Platz. Die Stimmung war sensationell und Winston
spürte nichts mehr von seiner nervösen Anspannung.
Es entwickelte sich eine muntere Unterhaltung zu den aktuellen
Fragestellungen und Winston war in seinem Element. Diese Themen
waren seine tägliche Hauptbeschäftigung und er hatte
hier viel zu bieten. Er stand für Sicherheit und Kontinuität
genau die Figur, die Menschen in den unruhigen Zeiten
sehen wollten. Gelassen und wendig reagierte er auf die vielfältigen
Fragen zur Wirtschaft, der gesellschaftlichen Entwicklung,
der internationalen Politik, und die zweite Werbeunterbrechung
war bereits beendet. Die heitere Stimmung verflog mit der
ersten persönlichen Frage von Larry.
»Winston, erst kürzlich wurde von Michael ein offener
Brief veröffentlicht. Ein umfassender Angriff auf Ihre
Person. Was denken Sie dazu?«
Wie in Zeitlupe drangen die Worte an sein Ohr. Er regte sich
nicht. Winstons Blut begann zu pulsieren. Viele Jahre der
Erfahrung in der Öffentlichkeit, und doch nützten
sie ihm nichts. Bruchteile von Sekunden dehnten sich. Winston
nutzte den Augenblick, um seine Fassung zu wahren und sich
seine Betroffenheit nicht anmerken zu lassen. Er hatte nicht
vor, sich in einer öffentlichen Unterhaltung auf diese
Ebene zu begeben. Die zahllosen Medientrainings für außergewöhnliche
Interviewsituationen fielen ihm ein und er sah Larry direkt
und offen, aber mit ernstem Blick an.
»Larry, Michael ist ein Künstler und gerade ein
Künstler muss seine Meinung öffentlichkeitswirksam
verdeutlichen. Dem darf man keine übermäßige
Bedeutung beimessen. Er hat offensichtlich zu den aktuellen
Entwicklungen nichts Konstruktives beizutragen. Mir ist jedenfalls
darüber nichts bekannt. Eine vereinfachte und polemische
Kritik alleine hilft doch niemandem. Ich werde mich mit diesem
Menschen erst dann ernsthaft befassen, wenn er auch konkrete
Vorschläge vorträgt. Bisher habe ich vor allem Vorwürfe
und den Ruf nach Verboten von ihm vernommen. Larry, Sie wissen
ja, dass ich von Gängelei absolut nichts halte. Das wird
sich auch nicht ändern. Vor allem ich selbst sollte seiner
Meinung nach wohl verboten werden. Das ist doch keine demokratische
Auseinandersetzung. Wir sollten uns auf die wesentlichen
Dinge konzentrieren und uns nicht beschimpfen. Wenn sich Michael
auf Kosten anderer Persönlichkeiten profilieren muss,
dann ist das doch schon Grund genug, ihn nicht weiter zum
Gesprächsstoff werden zu lassen.« »Er hat
sicher wenig konstruktive Vorschläge angeboten und vor
allem Kritik an einigen bestehenden Gegebenheiten geäußert.
Ist aber das nicht der tagtägliche Gegenstand politischer
Äußerungen, Winston?«
»Bei einigen Politikern muss ich Ihnen da leider beipflichten,
Larry. Ich habe Michael aber bisher nicht als Politiker gesehen.
Er spielt sich eher zu einer Art medialem Robin Hood auf.
Mit einem maßgeblichen Unterschied: Er hilft niemandem,
sondern nur sich selbst. Er steckt sich den Verdienst aus
seiner Methode in die eigene Tasche. Das ist sehr kreativ.
Wissen Sie, ich freue mich für ihn, dass er damit an
Popularität gewinnt. Michael ist ein Mann des Showgeschäfts.
Er zahlt damit schließlich seine Beiträge zur gesellschaftlichen
Entwicklung wie jeder andere auch. Ich kann nur sagen: Michael,
weiter so! Verdiene dein Geld und sei erfolgreich.«
Das Publikum klatschte lang und laut.
»Das ist sehr großzügig, Winston. Ihr Vater
nannte ihn einen Drecksack, andere Ihrer Vertrauten
einen frustrierten Schmierenkomödianten
teilen Sie diese Meinungen?«
»Sie haben Recht, mein Vater äußerte sich
kürzlich über ihn. Ich hörte auch schon viele
andere Kommentare, aber ich möchte dem nichts hinzufügen.
Ich glaube, dass meine Konzentration darauf liegen muss, aktuelle
Fragen zu beantworten und mit meinen Möglichkeiten die
allgemeine Entwicklung positiv zu unterstützen.«
»Sicher, aber fühlen Sie sich nicht persönlich
beleidigt, wenn Sie als schwächlicher Alkoholiker
dargestellt werden?«
Winston zuckte innerlich zusammen. Hatte Larry das wirklich
gerade gefragt? Er konnte es kaum glauben. Larry war doch
sonst so seriös. Hatte sein PRTeam dazu keine Absprachen
getroffen? Im Studio war es absolut still geworden.
»Danke für diese Frage, Larry. Ich möchte
die Arroganz eines Menschen wirklich nicht kommentieren. Das
ist auch in diesem Fall nicht anders. Ich werde die diabolischen
Erfahrungen meiner Vergangenheit niemals vergessen und danke
Gott, dass ich diese Last überwunden habe. Eine Krankheit,
der viele Menschen auf der ganzen Welt verfallen sind. Sie
nimmt aber seit langer Zeit in meinem Leben keinen Platz mehr
ein. Wir alle haben unsere eigenen Geschichten, an denen wir
wachsen können.«
»Da werden Ihnen sicher alle beipflichten und das Interesse
an Ihren Erfahrungen ist groß. Können Sie uns ein
wenig daran teilhaben lassen?«
»Sehr gerne, Larry. Es ist ja bekannt, dass ich aus
gut behüteten Verhältnissen stamme und mich stets
daran orientieren konnte, welcher Gipfel als Nächstes
bestiegen werden muss. Ich hatte viel Spaß dabei und
genoss das Leben, so gut es ging. Dabei schlichen sich die
mittlerweile bekannten Gewohnheiten ein, die mein Leben erheblich
beeinträchtigten. Dann ging es für mich einfach
nicht mehr weiter. Aus Gipfeln wurden Täler. Ich merkte,
dass etwas geändert werden musste, und ich änderte
es. Diese Veränderung hat mir alles abverlangt, aber
ich habe diese Krise überstanden. Die Überwindung
dieses Lasters war eine bedeutende und stärkende Erfahrung
und ich weiß für die Zukunft nun sehr genau, welchen
Stellenwert nahe stehende Menschen, die Verlockungen und wichtige
Handlungen im Leben für mich haben.«
»Sie sprachen die Zukunft an, Winston. Das Thema wird
heftiger diskutiert als je zuvor. Kaum jemand ist ohne Sorge
und jeder versucht, sich durch ganz individuelle Maßnahmen
gegen drohende Härten zu schützen. Haben Sie etwas
Bahnbrechendes vor, um die allgemeine Entwicklung positiv
zu unterstützen? Dürfen wir mit maßgeblichen
Neuerungen rechnen?«
Winston lachte.
»Larry, ich werde auch weiterhin nicht in Interviews
über neue Ideen sprechen, die vorher noch an keiner anderen
Stelle besprochen worden sind. Aber natürlich denken
wir permanent darüber nach, wie wir die Entwicklung in
unserer Gesellschaft voranbringen können. Ich mache
mir viele Gedanken über die bestehenden Sorgen und suche
nach Lösungen für alle. Vielleicht können wir
uns ja schon im nächsten Interview auch darüber
unterhalten.«
Larry lächelte ihn an.
»Ich freue mich schon darauf, Winston! Schön, dass
Sie uns bald wieder besuchen wollen.«
Winston und Larry verabschiedeten sich unter ausdauerndem
Applaus mit einem langen Händedruck und Winston winkte
auf seinem Weg aus dem Studio dem Publikum und den Kameras
zu.
Die Bodyguards geleiteten ihn sofort zum Fahrzeug. Die schweren
Türen des gepanzerten Autos fielen hinter ihm zu und
der Wagen fuhr an. Winston war sauer. »Ich kann nicht
glauben, dass Larry mich zum Alkoholismus befragt. Das ist
nun über 30 Jahre her und wurde doch schon überall
ausgebreitet wozu noch bei Larry? Wie konnte das passieren,
John?«
»Sie waren absolut überzeugend, Winston! Besser
hätte es gar nicht laufen können. Sie haben sehr
menschlich und mit viel Wärme reagiert, meinen Glückwunsch!
Ich denke, dass jede Zuschauerin und jeder Zuschauer verstanden
hat, dass das Leben wirklich jedem einen Streich spielen kann.
Volksnähe kann nicht schaden. In der Öffentlichkeit
wirken Sie sonst sehr unnahbar und glatt. Sie sind reich,
mächtig und haben aufgrund Ihrer Herkunft schon immer
ein Leben geführt, das nur wenige nachvollziehen können.
Ihre Entscheidungen betreffen weltweit viele Menschen und
Sie treffen täglich neue. Da ist es für viele Bürger
und Bürgerinnen durchaus beruhigend, wenn man weiß,
dass Sie auch menschlich sind.«
»Warum müssen diese Dinge nur immer wieder sein?
Als gäbe es nichts Wichtigeres zu diskutieren.«
Winston schüttelte den Kopf und sah in die Ferne. Er
wollte sich so schnell wie möglich ablenken und ließ
seinen Gedanken wieder freien Lauf. Er rekapitulierte die
letzten Fragen des Interviews: »Haben Sie etwas Bahnbrechendes
vor?«, »Dürfen wir mit Neuerungen rechnen?«
Wo waren nur seine bahnbrechenden Ideen geblieben? War sein
Ideenreichtum inzwischen gänzlich abgeebbt? War seine
Kreativität in einem schleichenden Prozess von der Alltagsroutine
abgetötet worden? Warum musste die Konjunkturmaschine
ausgerechnet auf dem Höhepunkt seiner Karriere ins Stocken
kommen? Wie war der Sand ins Getriebe geraten? Das permanente
Auf und Ab der Wirtschaft half doch wirklich nur wenigen.
Die Sorge, ob die Maschine wieder in Gang zu bekommen war
oder ob ein dauerhafter Motorschaden vorlag, beschäftigte
viele Gemüter. Eine kontinuierliche wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung
und tolle Innovationen waren doch für die meisten Menschen
die faszinierendste Grundlage ihrer Zukunft. Solche Rahmenbedingungen
trugen wahrscheinlich mehr zum Wohlbefinden der Menschen bei
als jede Sozialausgabe. Konnte man nicht einen stabileren
Wirtschaftsverlauf erreichen? Am besten, ohne staatliche Investitionen
zu tätigen?
Da schoss ihm eine Idee durch den Kopf, die er bereits vor
einiger Zeit verworfen hatte, und verlangte erneut seine Aufmerksamkeit:
die Produktive Wohlstandskomponente.
 
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